Leseproben MM&M - EUROPA


Auszüge aus ...

Erfewalu erzählt

Wie unhöflich von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Erfewalu mein Name. Ich bin der jüngste der Wandler und 7.912 Verwandlungen alt, aber so genau weiß ich das nicht.

 

Mit meinen Ahnen wandelte ich schon unzählige Male auf mannigfaltigen Reisen kreuz und quer durch die Welt und entdeckte manch wunderliches Geheimnis und – phantastische Geschichten.

 

Als beim letzten Sommernachtsfeuerfest die Reihe an mir war – zum ersten Mal sollte ich, Erfewalu, der Geschichtenerzähler sein – begann ich also zu berichten von meinen Wandlereien entlang der Donau – von Nixen und Fischern, von Armen und Reichen, von mutigen Dienern und ängstlichen Fürsten, von verwunschenen Prinzen und pfiffigen Bauern, klugen Frauen und rasenden Hexen, von sprechenden Tieren und treuen Begleitern, von gierigen Teufeln und hilfreichen Geistern… Und alle Geschichten sind wahr, ich habe sie selber erlebt, fast alle.

 

Hansl, trag mich in mein Loch

von Christine Nöstlinger

 

Traurig lief der Hansl den Weg entlang, bis er zum Stein kam, auf dem er vor einem Jahr gesessen war. Er hockte sich drauf und seufzte vor sich hin. Dass er noch einmal dem Frosch begegnen werde, glaubte er nicht. Doch als die Sonne am Untergehen war, sprang ihm der Frosch in den Schoß und fragte: „War dein Schal denn nicht der schönste?“

 

„Schon!“ sagte der Hansl. „Aber unser Vater hat uns noch mal weggeschickt. Wer in einem Jahr den schönsten Ring heim bringt, dem soll die Mühle gehören!“

 

„Na, dann trag mich halt wieder in mein Loch!“ sagte der Frosch.

 

Und weil der Hansl ohnehin nicht wusste, wohin er sonst hätte gehen sollen, nickte er, hielt den Frosch an die Brust gedrückt, beugte sich zum Mauseloch, flutschte durch und plumpste auf die Blumenwiese runter.

 

Der Hansl blieb beim Frosch, molk die Kuh und fütterte das Schwein, mähte die Wiese, kochte das Essen und teilte mit dem Frosch das Bett. Und als das Jahr fast um war, wurde er von Tag zu Tag trauriger.

 

Der Frosch sagte zu ihm: „Hansl, verlass dich nur auf mich. Ich habe vor einem Jahr mein Versprechen gehalten, ich halte es auch jetzt!“

 

Und als das Jahr auf den Tag genau um war, sagte der Frosch: „Hansl, hol das alte Wagenrad, wickle es in Papier und roll es den ganzen Heimweg neben dir her. Wirst schon sehen, was du daheim dann auswickelst!“

Der Wassermann von Devin

von Daria Biezunski-Vitásek

 

Das Pferd mit der grünen Mähne war bald das Schmückstück seines Stalls: wunderschön und zudem auch kräftig, so dass es für den Wirt von großem Nutzen wurde. Der Spitzbub war so geschickt, dass er dem edlen Pferd gutes Futter gab, es täglich striegelte und pflegte, nur ans Wasser ließ er den verwandelten Wassermann nicht.

 

Die anderen Pferde wurden zum Fluss gebracht und bekamen auch im Stall immer genug zu trinken. Das Pferd mit der grünen Mähne hingegen durfte nie zum Brunnen, nie zum Wassertrog, nie aus einer Pfütze trinken und wenn es einmal regnete, versperrte der Wirt es im Stall. Ganz ausgedörrt und verkümmert wurde das prächtige Ross und sehr, sehr traurig. Ein Wassermann braucht zum Leben Luft und – Wasser!

 

Vit, der Knecht des Wirts, hatte schließlich Mitleid und gab dem unglücklichen Pferd einen Bottich mit Wasser.

 

Das Pferd wieherte vor Freude, trank den ganzen Bottich leer, schüttelte den Kopf und in Blitzesschnelle stand statt dem matten Pferd mit der grünen Mähne der Wassermann von Devin vor Vit.

 

Vom Lohn der Welt

von André Heller

 

Ich will euch eine Geschichte erzählen, die andere ein Märchen nennen würden. Ich allerdings halte sie für wahr:

 

Ein Bauer ging an einem heißen Julitag in den Wald um Holz für den Wintervorrat zu fällen. Als er drei Stunden hart gearbeitet hatte und seine Kleidung durch und durch nass vor Schweiß war, setzte er sich auf einen großen Stein um auszuruhen, aus einer Schnabelkanne Milch zu trinken und etwas Brot mit Ziegenkäse zu essen, das ihm seine Frau in ein blaues Schnäuztuch gewickelt, auf den Weg mitgegeben hatte. Danach schloss er die Augen um sich ganz den einschläfernden Geräuschen der Natur hinzugeben.

 

Plötzlich hörte er eine hohe Stimme von tief unter seinem Allerwertesten rufen: „Fremder, ich brauche deine Hilfe! Erbarme dich meiner und schiebe den schweren Stein zur Seite, der das Tor zu meinem Verlies ist, das mir Tag und Nacht völlige einsame Dunkelheit beschert.“ Der Bauer erschrak und dachte, dass ihm ein Milchrausch den Sinn verwirrte. Aber dann fiel ihm ein, dass es Milchräusche gar nicht gab.

 

„Wer bist du, Stimme?“ fragte er. „Ich bin ein armseliges Wesen, das in der Falle des Unglücks steckt und wenn du mich befreist, will ich es dir unvergesslich lohnen, sowie die Welt zu lohnen pflegt.“ Der Bauer erhob sich und rollte mit seinen kräftigen Händen den Stein zur Seite, auf dem er geruht hatte und wie ein Springteufel schnellte eine funkelnde Schlange empor und tänzelte vor seinem erschrockenen Gesicht. „Du hast mich befreit!“ sagte die Furchterregende. „Ich danke dir und nun werde ich es dir lohnen, wie es die Welt zu lohnen pflegt.“ „Was ist mein Lohn?“ fragte der Bauer neugierig. „Ich werde dich mit meinem Gift töten“, antwortete die Schlange.